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Der unbequeme Schweizer – Wie die EU einen Mann vernichtet, der die Wahrheit sagt

Interview mit Jacques Baud in Brüssel am Samstag, 21.03.2026

Von Nicole Hammer, Wissensgeist.TV

Er hat Kriege nicht aus der Ferne analysiert, sondern vor Ort: in Afghanistan, im Kongo und in der Sahelzone. Als Oberst der Schweizer Armee, als Analyst des Strategischen Nachrichtendienstes des Bundes und als Berater der NATO kannte Jacques Baud die Kluft zwischen dem, was Regierungen öffentlich sagen, und dem, was hinter den Kulissen wirklich geschieht.

Heute ist der 70-jährige Schweizer selbst Ziel eines Konflikts geworden – nicht auf einem Schlachtfeld, sondern mitten in Europa.

Am 15. Dezember 2025 setzte die Europäische Union Jacques Baud auf ihre Sanktionsliste. Die offizielle Begründung ist kurz: Er wirke als „Sprachrohr pro-russischer Propaganda” und verbreite „Verschwörungstheorien”, unter anderem die Behauptung, die Ukraine habe ihre eigene Invasion provoziert, um der NATO beizutreten.

Diese Aussage stammt jedoch nicht von Baud. Er hat lediglich eine öffentliche Äußerung des ukrainischen Politikers Oleksiy Arestovych zitiert. Arestovych sagte bereits im März 2019 – kurz vor der Wahl Selenskyjs zum Präsidenten, dessen Berater er später werden sollte – der Preis für einen NATO-Beitritt der Ukraine sei „ein großer Krieg mit Russland". Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem solchen Krieg komme, bezifferte er auf 99,9 Prozent – Russland müsse eine großangelegte Militäroperation durchführen, bevor die Ukraine der NATO beitreten könne.

Baud betont, dass er diese Aussage lediglich wiedergegeben habe, um die russische Wahrnehmung des Konflikts zu erklären – nicht, um sie zu teilen oder zu rechtfertigen. Sein Ziel sei Analyse, nicht Propaganda. Wer neutral bleibe und beide Seiten betrachte, werde von der EU offenbar automatisch als Propagandist eingestuft.

Drei Monate ohne Geld

Die Folgen waren hart und unmittelbar. Baud, der in Brüssel lebt, verlor den Zugriff auf seine Bankkonten. Die Rente kam nicht mehr an, Kreditkarten funktionierten nicht, Zahlungen waren blockiert.

„Ich hatte etwa drei Monate lang keine Möglichkeit, etwas zu kaufen.” — Jacques Baud

Erst nach Intervention seiner Anwälte und einer humanitären Ausnahmegenehmigung der belgischen Behörden – ausgerechnet Belgien, das EU-Land, das ihn sanktioniert hatte – konnte er ab dem 6. Februar 2026 wieder Miete und Lebensmittel bezahlen. Allerdings nur in sehr begrenztem Umfang und zeitlich befristet. Die Ausnahme deckt weder Telefon noch Internet ab und kann jederzeit widerrufen werden.

Die Situation ist so absurd wie erniedrigend: Wer Baud finanziell unterstützt – Familie, Freunde, Kollegen – macht sich möglicherweise strafbar. Die Sanktionsregeln sehen das so vor.


Die UBS lässt einen Schweizer fallen

Die UBS sperrte zunächst auch seine Schweizer Konten – obwohl die Schweiz die EU-Sanktionen nie übernommen hatte.

Die Bank kümmerte das jedoch nicht. Erst nach massivem Druck durch Bauds Anwälte lenkte sie teilweise ein und anerkannte, dass die Sperrung ein Fehler gewesen sei. Seither fließt die Rente wieder auf das Konto, Zahlungen innerhalb der Schweiz sind möglich. Internationale Transaktionen und Kreditkarten bleiben jedoch weitgehend blockiert.

Die Erklärung der UBS war bezeichnend: Die Bank wolle ihren Ruf schützen. Sanktionierte Personen seien normalerweise Terroristen, Geldwäscher oder Mitglieder der organisierten Kriminalität. Mit einem pensionierten Schweizer Militäranalysten, der unbequeme Analysen publiziert, hatte die Bank offenbar nicht gerechnet.


Die Schweizer Botschaft – zehn Tage, ein Link

Als Jacques Baud in Brüssel die Schweizer Botschaft in seiner Not um Hilfe bat, wartete er zehn Tage auf eine Antwort. Was kam, war eine E-Mail mit Links zur EU-Webseite. Kein Anruf, kein persönliches Gespräch, keine konkrete Unterstützung. Das Land, dem er fast vier Jahrzehnte gedient hatte, schaute zu.

Die formelle Demarche (offizieller diplomatischer Protest) vom 9. Januar 2026 änderte daran wenig. Baud hat den Eindruck, sie diente eher dazu, einen innenpolitischen Skandal in der Schweiz zu vermeiden, als ihm tatsächlich zu helfen.

„Nach dieser Demarche hat die Schweiz grundsätzlich nichts gemacht, um meine Situation zu verbessern.” — Jacques Baud


Sanktion ohne Verfahren

Was Baud am meisten trifft, ist nicht nur die Härte der Maßnahme, sondern deren Zustandekommen: kein Vorverfahren, keine Anhörung, keine Möglichkeit zur Verteidigung, kein rechtsstaatlicher Prozess.

„Ich habe kein Gesetz verletzt und hatte keinerlei Recht auf Gehör.” — Jacques Baud

Sieben Zeilen Begründung, kein Prozess, keine Anklage, keine Beweise. Die Sanktionen seien ursprünglich als außenpolitisches Instrument gedacht – für Personen außerhalb der EU. Baud lebt in Brüssel. Dass ein in der EU lebender Mensch von heute auf morgen ohne jegliches Verfahren sein Konto, seine Reisefreiheit und seine Existenzgrundlage verlieren kann – das war offenbar entweder nicht bedacht worden oder wurde bewusst in Kauf genommen."


„Eine Warnung für alle anderen” – Neutralität als Verbrechen

Dass es sich bei Bauds Sanktionierung nicht nur um einen Einzelfall handelt, bestätigte ausgerechnet die deutsche Bundesregierung selbst. Auf einer Pressekonferenz fragte ein Journalist, warum Berlin akzeptiert habe, dass Baud auf die EU-Sanktionsliste gesetzt wurde.

„Die Sanktionierung gilt als Warnung für alle anderen.” — Sprecher der deutschen Bundesregierung

Eine offenere Drohung gegen die Meinungsfreiheit ist kaum denkbar. „Schweig oder es trifft auch dich” – das ist die eigentliche Botschaft hinter den sieben Zeilen Begründung.

Baud zieht daraus eine klare Schlussfolgerung: Wer heute in Europa einen Konflikt neutral analysiert, wer beide Seiten versteht und erklärt, riskiert, als Propagandist abgestempelt zu werden. Neutralität – einst das Fundament der Diplomatie – wird von der EU zunehmend als Bedrohung behandelt.


Die verpasste Chance: Ein Diplomatenpass

Ein Schweizer Diplomatenpass hätte die praktischen Sanktionsfolgen weitgehend neutralisiert, insbesondere das Reiseverbot. Zum Vergleich: Die zweite sanktionierte Schweizerin, Nathalie Yamb, wurde vom Machthaber Nigers zur Sonderberaterin ernannt und erhielt einen Diplomatenpass. Sie reist seither frei.

Baud sagt, er habe einen solchen Pass nicht aktiv gefordert. Doch er habe auch nicht das Gefühl gehabt, dass Bern ernsthaftes Interesse an einer Lösung hatte. Die Schweiz habe sich im Ukraine-Konflikt längst nicht mehr neutral positioniert – und Neutralität werde zunehmend als Parteinahme missverstanden.


Der Verrat an der Demokratie

Wenn Baud über den Schweizer Bundesrat spricht, wählt er klare Worte:

„Sie haben die Idee der Demokratie verraten.” — Jacques Baud über den Schweizer Bundesrat

Demokratie bedeute, dass alle Meinungen sich ausdrücken dürfen – genau das sei ihr Sinn und Zweck. Die Schweiz habe in dieser Hinsicht traditionell einen Vorsprung gegenüber anderen Demokratien gehabt.

Doch Aussagen von Beratern und Bundesräten zeigten, dass die Schweiz in eine Dynamik geraten sei, in der Menschen, die nicht genau wie die Regierung dächten, zunehmend als Verräter betrachtet würden. Für Baud ist das ein Paradox: Ausgerechnet jetzt, wo Europa langsam merke, dass man mit Russland reden müsse, werde derjenige bestraft, der genau das seit Jahren gefordert hat.

„Das ist extrem enttäuschend, weil das zeigt, dass der Sinn und Zweck der Demokratie nicht mehr verstanden wird.” — Jacques Baud


Ein Mann, der sein Leben riskiert hat

Was in der Debatte um Sanktionen und Propaganda leicht in Vergessenheit gerät: Jacques Baud hat sein Leben mehrfach für andere riskiert. Im Kongo, wo eine einzige Straße die logistische Versorgung von anderthalb Millionen Flüchtlingen sicherte, kam es zu Minenattentaten. Niemand wollte mehr fahren. Baud setzte sich ans Steuer seines Fahrzeugs und fuhr voraus – damit die anderen Fahrer in seinen Spuren folgen konnten.

„Meine Kollegen sagten mir morgens: Wir hoffen, dass du zurückkommst.” — Jacques Baud

Es war russisches Roulette. Aber jemand musste es tun.


Afghanistan: Die Lektion, die der Westen nicht lernen wollte

In Afghanistan erlebte Baud eine Begegnung, die seine geopolitische Überzeugung bis heute prägt. Sein Fahrer, ein Paschtune – dieselbe ethnische Gruppe wie die Taliban – antwortete auf die Frage, was er von den Taliban halte:

„Wir mögen die Taliban nicht. Aber wenn wir zwischen dem Westen und den Taliban wählen müssen, wählen wir die Taliban.” — Paschtunischer Fahrer

Für Baud ist das die entscheidende Lektion: Zwanzig Jahre Krieg, Milliarden an Mitteln, Tausende Todesopfer – und am Ende sind die Taliban wieder an der Macht. Weil der Westen nie verstanden hat, wie die Menschen dort wirklich denken.

„Wir müssen mit allen sprechen, auch mit denen, die wir als Feinde betrachten – statt zu konfrontieren.” — Jacques Baud

Seine Überzeugung lautet: Sicherheit durch Kooperation, nicht durch Konfrontation.


Trump, Pragmatismus und westliche Widersprüche

Baud äußert sich auch zu Donald Trump. Er habe sich nie Illusionen über ihn gemacht: Trump sei kein Pazifist, sondern ein Pragmatiker. In der Ukraine habe er Frieden gewollt, weil das amerikanische Militär den Krieg bereits früh als einen Krieg erkannt hatte, den keine Seite gewinnen kann. Beim Iran hingegen handle Trump aus einer Mischung aus Obsession und dem Bedürfnis, „etwas zu tun”.

Baud sieht ein breiteres Muster: Frankreich, Deutschland, Großbritannien – alle großen europäischen Länder hätten enorme innere Probleme, wirtschaftlich, gesellschaftlich, sozial. Statt diese zu lösen, würden neue außenpolitische Konflikte geschaffen – als Ablenkung oder in der Hoffnung, außenpolitische Erfolge könnten innenpolitische Misserfolge überdecken.


„Ich bin kein Richter”

Baud wehrt sich gegen den Vorwurf der Propaganda. Sein Ziel sei nicht Bewertung, sondern Verständnis: Wie nehmen die Konfliktparteien die Lage wahr? Welche Wahrnehmungen treiben ihr Handeln?

„Ich bin kein Richter.” — Jacques Baud

Der Westen habe die Gewohnheit, sich als Richter aufzuspielen – dabei fehle oft das vollständige Bild. Seine Bücher stützten sich fast ausschließlich auf westliche Quellen und ukrainische Dokumente, offizielle Erlasse Selenskyjs, ukrainische Presseberichte. Russische Propaganda suche man darin vergeblich. Alles sei dokumentiert und mit Quellenangaben belegt.

Konflikte seien lösbar – aber nur, wenn man bereit sei, die Logik aller Seiten zu verstehen, statt sich selbst als moralischen Richter aufzuspielen. Genau diese Haltung werde heute offenbar als gefährlich eingestuft.


Ein neues Buch – die Arbeit geht weiter

Trotz allem gibt Baud nicht auf. Er arbeitet an einem neuen geopolitischen Buch. Eine Biografie lehnt er bescheiden ab – „Ich glaube, ich habe das Talent dafür nicht” – aber seine Analysen wird er weiter veröffentlichen. Der Mann, den die EU zum Schweigen bringen wollte, schreibt weiter.

Was der Fall wirklich zeigt

Der Fall Jacques Baud wirft unbequeme Fragen auf: Wie weit darf eine Sanktionspolitik gehen, die ohne Gerichtsverfahren in das Alltagsleben eines Menschen eingreift? Wo verläuft die Grenze zwischen abweichender Analyse und „Desinformation”, wenn schon das Zitieren eines ukrainischen Politikers als russische Propaganda gilt? Und wie viel Meinungsfreiheit bleibt, wenn Neutralität von der EU als Bedrohung behandelt wird?

Bauds Antwort ist klar: Konflikte enden nicht durch Isolation oder moralische Überlegenheit, sondern durch das ernsthafte Bemühen, die andere Seite zu verstehen. Ob Europa dieser Einsicht noch folgen kann oder will, bleibt offen.


Dieser Bericht basiert auf einem ausführlichen Interview mit Jacques Baud, das wir in Brüssel geführt haben, sowie den offiziellen EU-Dokumenten zu den Sanktionen.


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