Von Nicole Hammer, Wissensgeist.TV
Uster, Schweiz, 23. Mai 2025.
Im Stadthofsaal von Uster spricht an diesem Abend kein Aktivist, sondern ein Mediziner. Dr. med. Michael Nehls argumentiert nicht appellativ, sondern funktional. Was er beschreibt, ist kein Stimmungsbild, sondern ein neurobiologischer Zustand – und genau darin liegt die Schärfe seines Vortrags.
Es geht um geistige Erschöpfung. Nicht als individuelles Problem, sondern als strukturelles Phänomen einer Gesellschaft, die funktioniert, ohne wirklich wach zu sein.
Der mentale Akku
Nehls beginnt mit einer Beobachtung, die banal wirkt und gerade deshalb ernst zu nehmen ist: Müdigkeit am Abend ist normal. Problematisch wird sie dort, wo sie am Morgen nicht verschwindet.
„Wenn man morgens aufwacht und die Müdigkeit nicht weg ist und der Geist einfach nicht wach wird, dann ist das ein Problem.“
Was hier beschrieben wird, ist kein Befinden, sondern ein Funktionsverlust. Die Neuropsychologie nennt ihn Egodepletion: geistige Erschöpfung, die die Fähigkeit untergräbt, Entscheidungen zu treffen und sich gegen Beeinflussung zu wehren. Der Mensch bleibt handlungsfähig – aber nicht mehr urteilsfähig.
Denken kostet Energie
Zur Erklärung unterscheidet Nehls zwischen zwei Denksystemen: einem schnellen, automatisierten System und einem langsamen, bewussten. Letzteres benötigt mentale Energie – und genau diese ist begrenzt.
„Wir laufen fast den ganzen Tag im System-1-Modus, weil System 2 mentale Energie braucht – und diese Energie ist begrenzt.“
Solange Energie vorhanden ist, kann geprüft, hinterfragt, neu bewertet werden. Fehlt sie, bleibt Reaktion. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Erschöpfung. Der von Nehls beschriebene „Zombie-Modus“ ist daher keine Polemik, sondern eine Funktionsbeschreibung.
Der Ort des Bewusstseins
Wo sitzt dieser mentale Akku?
Für Nehls ist die Antwort eindeutig: im Hippocampus. Er ist das autobiografische Gedächtnis des Menschen, verortet Erlebnisse im Raum-Zeit-Kontinuum und ist die einzige Hirnstruktur, die lebenslang neue Nervenzellen bildet.
„Der Hippocampus ist das neuronale Korrelat von Neugier und psychischer Resilienz.“
Diese adulte hippocampale Neurogenese sorgt dafür, dass geistige Energie regeneriert wird – vor allem nachts. Wird dieser Prozess blockiert, wird Denken nicht unmöglich, sondern zu anstrengend, um es im Alltag noch einzusetzen.
Wenn Identität überschrieben wird
Chronischer Stress setzt genau hier an. Er blockiert die Regeneration und erzwingt eine andere Form der Verarbeitung: Neues kann nur noch aufgenommen werden, indem Altes verdrängt wird.
„Wenn keine neuen Indexneuronen entstehen, bleibt dem Gehirn nur eine Möglichkeit: neue Narrative überschreiben alte Identität.“
An diesem Punkt verschiebt sich der Vortrag von der Neurobiologie zur Gesellschaftsanalyse. Narrative werden nicht mehr geprüft, sondern verinnerlicht. Sie werden Teil der Persönlichkeit – und entziehen sich damit der Kritik.
Das mentale Immunsystem
Aus diesen Zusammenhängen entwickelt Nehls das Konzept eines mentalen Immunsystems. Es umfasst jene Funktionen, die geistige Autonomie ermöglichen: Resilienz, Neugier, Lernfähigkeit, Perspektivwechsel.
Wird dieses System geschwächt, verliert nicht nur das Individuum an Orientierung. Auch Gesellschaften werden konformer, steuerbarer, innovationsärmer. Wo Individualität schrumpft, wächst Anpassung.
Gesellschaftliche Konsequenzen
Nehls bleibt nicht im Abstrakten. Er verweist auf einen deutlichen Anstieg von Demenzfällen unter 65-Jährigen und ordnet ihn in denselben Mechanismus ein: chronische Überlastung, Mangelzustände, blockierte Regeneration.
Auch neue medizinische Technologien und globale Gesundheitsstrategien betrachtet er unter diesem Gesichtspunkt. Die leitende Frage lautet nicht politisch, sondern funktional:
Was geschieht mit einer Gesellschaft, deren mentales Immunsystem erschöpft ist?
Regeneration als Möglichkeit
Trotz der Schwere seiner Analyse endet der Vortrag nicht resignativ. Der Hippocampus ist regenerationsfähig. Das mentale Immunsystem kann sich erholen – wenn seine biologischen Voraussetzungen wieder ernst genommen werden.
Geistige Autonomie, so die implizite Schlussfolgerung, ist kein abstrakter Wert.
Sie ist eine neurobiologische Leistung.
Und diese Leistung braucht Energie.
Videoproduktion & Cut: Paul Fehr
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