Von Nicole Hammer
(Magdeburg, 31. Januar 2026 – anlässlich des 15-jährigen Jubiläums von COMPACT)
Kayvan diskutiert Politik nicht. Er zerlegt sie.
Während andere sich in Parteifarben verheddern, zieht er die Tapete von der Wand. Keine Empörungsrituale. Keine moralischen Scheinwerfer. Keine Schlagwortgymnastik. Er stellt nur eine Frage – immer wieder dieselbe: Wer baut gerade das Meinungsskript, das alle nachsprechen?
Warum erscheinen bestimmte Narrative gleichzeitig in allen Kanälen? Warum werden identische Begriffe recycelt, bis sie wie Naturgesetze klingen? Und warum gilt jede Abweichung sofort als „gefährlich“, „unsolidarisch“ oder „radikal“?
Das hier ist kein Interview. Es ist eine Demontage. Öffentlichkeit wird nicht diskutiert – sie wird freigelegt. Man sieht plötzlich das Getriebe hinter den Schlagzeilen, die moralische Dramaturgie, die ökonomischen Interessen, die politischen Sicherungsleinen.
Alles wird lauter. Alles wird einfacher. Alles wird enger.
Und während sich das Publikum über die nächste Empörungswelle streitet, läuft im Hintergrund die eigentliche Maschine. Wer sie kontrolliert, kontrolliert den Rahmen. Und wer den Rahmen kontrolliert, entscheidet, was Wirklichkeit sein darf.
Kayvan interessiert nicht die Figur auf der Bühne. Ihn interessiert, wer das Licht steuert.
Genau deshalb ist dieses Gespräch unbequem.
Und genau deshalb lohnt es sich.
Eine lange Geschichte – Kompakt und Jürgen Elsässer
Kayvan gehört nicht zum COMPACT-Inventar, aber er ist mit Jürgen Elsässer seit vielen Jahren verbunden.
„Ich wurde eingeladen, weil Geburtstage einfach schön sind. Und Jürgen und ich haben eine gemeinsame Geschichte.“
Elsässer schrieb früher für linke Zeitungen wie junge Welt oder Neues Deutschland – Medien, die ihn heute am liebsten vergessen würden. Kayvan selbst hat jahrelang Beiträge für COMPACT geliefert – frei, unabhängig, ohne Bezahlung.
2014 kam es zu einer vorübergehenden Distanz, vor allem wegen unterschiedlicher Sichten auf den Ukraine-Konflikt und die Mahnwachen. Doch als COMPACT verboten werden sollte, war er sofort zur Stelle:
„Was kann ich tun?“
Für ihn ist das keine Frage der politischen Linie, sondern eine Grundsatzfrage:
„Ich würde mich genauso für die TAZ einsetzen. Jede Stimme hat das Recht, gehört zu werden – auch radikale.“
Trotz Differenzen nennt er Elsässer einen loyalen Kollegen.
„Wir sind nicht in allem einer Meinung – das bin ich nicht einmal mit mir selbst von vor fünf Jahren.“
Was sie eint: die klare Ablehnung von Krieg.
Kayvan sieht in der Politik der Bundesinnenministerin Nancy Faeser einen zentralen Ausdruck dessen, was er als „Fäserisierung“ bezeichnet – also eine schleichende Einschränkung von Pressefreiheit, Meinungsvielfalt und Opposition durch Verbote, Überwachung und Kontrolle abweichender Stimmen. Besonders das (zeitweise) Verbot von COMPACT durch Faeser wertet er als Versuch, kritische Medien mundtot zu machen und das Land in eine autoritärere Richtung zu drängen.
„Als das Land fäserisiert wurde und Kompakt verboten werden sollte, habe ich mich sofort bei Jürgen gemeldet. Es geht um Pressefreiheit – und die gilt für alle, auch für radikale Stimmen. Ich würde mich genauso für die TAZ einsetzen.“
Er betont, dass es ihm nicht um blinde Gefolgschaft geht, sondern um den Grundsatz: Kritik darf nicht erstickt werden, nur weil sie unbequem ist. Genau darin sieht er den Kern der gemeinsamen Haltung mit Elsässer und COMPACT – trotz aller Unterschiede.
Muster statt vorgefertigter Meinungen
Kayvan schaut auf KI wie auf ein Röntgenbild der Gegenwart. Systeme wie ChatGPT sind für ihn keine denkenden Wesen, sondern gigantische Wahrscheinlichkeitsmaschinen.
„Mich interessiert nicht, was rauskommt. Mich interessiert, welche Handschrift dahintersteckt – wer hat die Regeln geschrieben, die bestimmen, was gesagt werden kann?“
Genau diesen Blick wendet er auch auf die öffentliche Debatte an: Viele Positionen wirken wie aus einem Baukastensystem kopiert. Abweichungen werden sofort markiert. Der Korridor des Sagbaren wird enger – nicht durch offene Verbote, sondern durch stillschweigende Spielregeln.
Heimat riecht nach Zuhause – Ideologie ist austauschbar
„Deutschland ist für mich heute das, was es gestern auch schon war: Heimat.“
Heimat ist für Kayvan etwas sehr Sinnliches: der Geruch der alten Bäckerei, die Straße, auf der man Fahrrad gelernt hat, die Muttersprache, die man im Bauch fühlt.
„Heimat ist nicht flexibel. Eine Ideologie ist flexibel.“
Man kann Ideologien umfärben, neu verpacken, komplett umdrehen – Heimat nicht. Genau diese Ersetzung – Ideologie statt echter Verwurzelung – erklärt für ihn viel von der Gereiztheit der Gesellschaft. Es geht längst nicht mehr nur um Lösungen, sondern darum, wer „richtig“ dazugehört.
Deutschland leidet aus seiner Sicht seit Jahrzehnten unter einem klassischen Stockholm-Syndrom gegenüber den USA:
„Man klammert sich an jemanden, der einen benutzt – und nennt es Freundschaft.“
„Ami go home“ – Nord Stream, Gaza und die offenen Geheimnisse
Kayvan sagt es ohne Umschweife:
„Die Amerikaner sind nicht unsere Freunde. Das waren sie nie. Jetzt kann man es auch laut sagen: Ami go home.“
Nord Stream nennt er einen Parade-Fall: ein Anschlag, bei dem Norwegen und die USA massiv profitiert haben – und dennoch wird kaum ernsthaft ermittelt.
Ähnlich sieht er andere Ereignisse:
„9/11. Oder Gaza: Israel wurde an der bestbewachten Grenze der Welt stundenlang von Hamas-Mitgliedern überrannt – und niemand hat etwas gemerkt. Das ist zu plump, um glaubwürdig zu sein.“
Raus aus den Zwängen – Deutschland soll endlich erwachsen werden
Seine Konsequenz ist klar:
„Raus aus der NATO. Raus aus dieser Art von EU. Raus aus der WHO.“
Stattdessen wünscht er sich einen „Dachraum“ guter Nachbarn – Deutschland, Österreich, Schweiz – mit engem Handel, geteilter Kultur und Ingenieurskunst, aber ohne Waffenexporte.
„Wir wollen nicht die Welt beherrschen. Wir wollen nur nicht mehr mitmachen, wenn es uns schadet.“
Kein Russenhass – und das „blaue Wunder“ bei der AfD
„Die Deutschen hassen die Russen überhaupt nicht.“
Kayvan widerspricht der Vorstellung eines flächendeckenden Russenhasses. Die mediale Erzählung einer breiten Verunsicherung decke sich aus seiner Sicht nicht mit der Stimmung im Alltag.
„Frag mal draußen auf der Straße. Von tausend Leuten sagt vielleicht einer, er sei verunsichert. Der Rest sagt: So ein Quatsch.“
Zur AfD wird er deutlich konkreter. Die Partei habe zu Venezuela nichts gesagt. Auch zu Gaza nichts. Das sei kein Zufall. Im Gespräch beschreibt er das als taktisches Verhalten. Bestimmte außenpolitische Themen seien vermintes Gelände. Wer sie offen anspreche, riskiere politische Isolation – insbesondere in einem Umfeld, in dem ein mögliches Verbotsverfahren im Raum stehen könne.
Die Zurückhaltung sei daher strategisch. Man arbeite taktisch, weil es Themen gebe, die man nicht anfassen dürfe, wenn man im politischen Spiel bleiben wolle. Wer sie dennoch offen adressiere, wäre aus seiner Sicht „sofort politisch erledigt“.
Und dann folgt die nüchterne Pointe:
„So viel zum Thema blaues Wunder.“
Das „blaue Wunder“ erscheint bei ihm nicht als Ankündigung eines radikalen Ausbruchs, sondern als ironischer Kommentar auf die Erwartung, die AfD werde grundlegende außenpolitische Tabus brechen.
Das echte Leben spielt außerhalb des Kinos
Der Kern von Kayvans Denken liegt jenseits der Tagespolitik. Er verwendet die Kino-Metapher:
„Wir sitzen im Saal, schauen uns unseren eigenen Film an und halten die Leinwand für die Realität. Das echte Leben spielt draußen.“
Flächenland dient ihm als Bild: Ein Quadrat kann die Kugel nicht verstehen, weil es nur zwei Dimensionen kennt. Tod ist für ihn kein Ende – sondern ein Levelwechsel. Ein Geschenk.
„Transhumanismus glaubt, man könne das Bewusstsein oder die Seele ins Gehirn oder in einen Laptop übertragen – als wäre der Mensch nur austauschbare Hardware. Aber die Intelligenz, der eigentliche User, sitzt außerhalb. Den kann man nicht hacken.“
Gott oder der Schöpfer lasse sich nicht austricksen, nicht berechnen, nicht besiegen.
„Alles, was du dir ausdenken kannst, hat er schon gedacht.“
Luther, Bibel, Gutenberg – Deutschland als Störenfried
Kayvan sieht eine historische Kontinuität:
„Martin Luther hat die Bibel ins Deutsche übersetzt. Gutenberg hat sie gedruckt und vervielfältigt. Damit haben die Deutschen das Pyramidenspiel der damaligen Macht einfach umgedreht. Das hat man ganz oben nie gut gefunden.“
Musik als Raum der Freiheit
Kayvan ist kein verbitterter Kopf. Er hört nach eigenen Worten täglich rund zwei Stunden Musik – Roger Cicero, Sammy Davis Jr., James Brown und Aretha Franklin gehören für ihn selbstverständlich dazu. Er singt laut im Auto und spielt ernsthaft mit dem Gedanken, eines Tages selbst auf die Bühne zu gehen.
Musik ist für ihn ein Gegenpol zur Dauererregung – ein Raum, in dem man einfach sein darf, ohne Rolle, ohne Rechtfertigung.
Zum Schluss
Kayvan liefert keine Parteiprogramme und keine einfachen Antworten. Er liefert Perspektivwechsel. Er zeigt, dass das Politische nur eine Nebenbühne ist – und meist nicht die wichtigste.
Freiheit beginnt nicht mit einer neuen Ideologie, sondern mit der Erkenntnis: Ich bin mehr als die Rolle, die mir zugewiesen wurde.
Herzlichen Dank an Kayvan für das offene, vielschichtige und sehr persönliche Gespräch sowie an Verena Brachtel für das Zustandekommen des Gesprächs.
Ebenso danke ich dem Magazin COMPACT, dass ich im Rahmen der Galaveranstaltung zum 15-jährigen Jubiläum den Raum nutzen durfte, um dieses Interview zu führen.













