Von Nicole Hammer, Wissensgeist.TV
Geld, Krieg und die Konstruktion eines anderen Systems
Peter Haisenko wurde 1952 staatenlos in München geboren, als Kind von Eltern, die Krieg, Flucht und politische Verfolgung überlebt hatten. Sein russischer Vater hatte die Lager Stalins überstanden, seine Mutter den Feuersturm von Dresden – Erfahrungen, die ihm früh ein differenziertes Weltbild vermittelten. Bereits als junger Mann arbeitete er im Heinz Moos Verlag in der publizistischen Praxis, bevor er viele Jahre als Pilot von Verkehrsmaschinen bei der Lufthansa tätig war. Diese Verbindung aus historischer Prägung, publizistischer Arbeit und internationaler Erfahrung formte seine Perspektive auf politische und wirtschaftliche Zusammenhänge. Seine späteren Analysen zu Geldsystemen und globaler Macht speisen sich aus diesem biografischen Hintergrund jenseits akademischer Ökonomie.
Als Peter Haisenko beim Sommer-WEFF am 16. August 2025 in Davos spricht, beginnt er nicht politisch und nicht moralisch. Er beginnt strukturell. Wer verstehen wolle, warum Kriege möglich sind, müsse beim Geldsystem anfangen.
„Wie kann man überhaupt Krieg führen? Dafür braucht man einen Haufen Geld.“
Dieser Satz ist keine rhetorische Zuspitzung, sondern die Prämisse des gesamten Vortrags. Krieg erscheint hier nicht als Ausnahmezustand, sondern als Folge finanzieller Machbarkeit. Nicht Motive entscheiden, sondern die Fähigkeit, Kapitalmengen zu mobilisieren, die reale Wertschöpfung übersteigen.
1913: Die finanzielle Voraussetzung des Krieges
Haisenko setzt beim Jahr 1913 an, bei der Gründung des Federal Reserve System. Private Banken erhalten das Recht zur Geldschöpfung. Für ihn ist das kein technischer Vorgang, sondern ein historischer Einschnitt. Erst dadurch seien jene Kapitalmengen entstanden, mit denen der Erste Weltkrieg finanzierbar wurde.
Geldschöpfung erzeugt Kredit.
Kredit finanziert Krieg.
Krieg erzeugt neue Schulden.
England und Frankreich seien über dieses System finanziert worden. Als sich 1917 eine Niederlage abzeichnete, hätten die USA eingegriffen – auch, um ihre Kredite abzusichern. Der 14-Punkte-Plan Präsident Wilsons sei zwar ein humanistisches Dokument gewesen, habe jedoch bei den Verhandlungen von Versailles keine Rolle gespielt. Friedenskonzepte, so die implizite Logik, verlieren dort, wo Finanzinteressen dominieren.
Wiederholung im Zweiten Weltkrieg
Auch der Zweite Weltkrieg folgt in Haisenkos Darstellung demselben Muster. Die USA belieferten die Sowjetunion im Rahmen des Lend-Lease Act mit enormen Mengen an Material. Gleichzeitig profitierten amerikanische Unternehmen in bisher unbekanntem Ausmaß von der Kriegsproduktion.
Krieg erscheint hier nicht als historische Ausnahme, sondern als strukturelle Folge eines Systems, das Kapital anhäuft und nach Verwertung verlangt.
„Geld und Krieg gehören zusammen, egal in welcher Weise – entweder weil man zu wenig hat oder weil man zu viel hat.“
1971: Der Verlust jeder Begrenzung
Die zweite Zäsur markiert das Jahr 1971. Mit der Aufhebung der Goldbindung des Dollars endet faktisch das Bretton-Woods-System. Bis dahin war der Dollar an Gold gebunden, Wechselkurse waren fixiert, Handelsungleichgewichte mussten real ausgeglichen werden.
Mit diesem Schritt verliert Geld seine materielle Grenze. Um die weltweite Nachfrage nach Dollar aufrechtzuerhalten, etabliert sich das Petrodollar-System: Öl darf nur noch gegen Dollar gehandelt werden.
Ab diesem Punkt, so Haisenko, entkoppelt sich Geld vollständig von realer Wertschöpfung. Die entstehenden Geldmengen werden nicht für Handel benötigt. Sie zirkulieren, vermehren sich selbst und bilden die Grundlage für Spekulation.
Schuldgeld als Systemzwang
Im Zentrum seiner Kritik steht das Schuldgeld. Geld entsteht durch Kredit. Kredite sind verzinst. Zinsen entziehen der Volkswirtschaft Geld, das nur durch neue Kredite ersetzt werden kann.
„Das ist ein Zirkulus vitiosus, ein Teufelskreis, der vollkommen automatisch zu einer Inflation führen muss.“
Inflation erscheint hier nicht als Fehlsteuerung, sondern als notwendige Folge des Systems. Reformen innerhalb dieses Rahmens greifen aus Haisenkos Sicht zu kurz, weil sie den Mechanismus nicht aufheben.
Die Finanzkrise von 2008 liest er entsprechend nicht als Ausnahme. Die Insolvenz von Lehman Brothers sei sichtbar gewesen; der Versicherungskonzern AIG habe ebenfalls vor dem Kollaps gestanden und sei mit neu geschaffenem Geld gerettet worden. Verluste wurden überdeckt, nicht gelöst.
Die humane Marktwirtschaft: ein Gegenentwurf
Aus dieser Diagnose entwickelt Haisenko sein alternatives Modell.
Konstante Geldmenge
Eine Institution bringt eine feste Geldmenge zinsfrei in Umlauf. Wird produktiver gearbeitet, sinken Preise. Inflation ist ausgeschlossen.
„Das Ziel muss heißen: absolut keine Inflation, weil Inflation schafft Reibung.“
Inflation erzeugt in dieser Sicht permanente Konflikte: Tarifverhandlungen, Streiks, Anpassungsdruck. Ein stabiles Geldsystem würde Planung ermöglichen.
Der Wertspeicher
Nicht verbrauchtes Geld fließt in einen gemeinsamen Wertspeicher. Banken vergeben Kredite ausschließlich aus diesem Bestand. Sie prüfen Kreditwürdigkeit, schaffen aber kein Geld mehr selbst. Zinsen existieren weiter, fließen jedoch in einen sozialen Ausgleichsfonds.
Arbeit, Steuern, Grundeinkommen
Die Lohnsteuer entfällt vollständig. Arbeit dürfe nicht besteuert werden, da kein Gemeinwesen ohne produktive Tätigkeit existieren könne. Stattdessen werden leistunglose Einkommen – Mieten, Dividenden, Kapitalerträge – hoch besteuert.
Ein garantiertes Grundeinkommen von Geburt bis Tod bildet die soziale Basis. Finanziert wird es über eine feste Abgabe auf Endverbrauchspreise.
Globaler Handel und Industrie
Haisenko kritisiert einen globalen Wettbewerb nach unten. Produktionsverlagerungen nach Bangladesch oder China zerstörten Industrien in Deutschland oder Griechenland. Dauerhafte Handelsdefizite – insbesondere der Vereinigte Staaten von Amerika – bedeuteten, dass reale Werte exportiert und konventionelles Geld importiert würden.
Am Beispiel von Mercedes-Benz zeigt er geplante Obsoleszenz: Technisch langlebige Produkte seien möglich, würden jedoch systematisch nicht bevorzugt. Ein System ohne Inflationsdruck würde Haltbarkeit belohnen.
Schluss
Der Vortrag endet nicht mit einem Appell, sondern mit einer offenen Frage. Haisenko beschreibt sein Modell als vollständig konstruiert. Von ihm konsultierte Volkswirtschaftler hätten keinen logischen Kardinalfehler gefunden, wohl aber Zweifel geäußert, ob ein solches System politisch zugelassen würde.
Die Argumentation bleibt konsequent strukturell:
Unbegrenzte Geldschöpfung erzeugt Kapitalüberschüsse.
Kapitalüberschüsse suchen Verwertung.
Verwertung geschieht durch Spekulation – und Krieg.
Wenn das Geldsystem die Struktur von Krieg, Handel und Gesellschaft bestimmt, dann entscheidet seine Konstruktion darüber, welche Welt möglich ist.
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